Podcast · 5 auf den Punkt

Herrmann gegen Stelter: Sanierungsfall Deutschland?

Ulrike Herrmann und Daniel Stelter streiten bei „Markus Lanz“ über den Zustand der deutschen Wirtschaft – Christoph Siebecke prüft fünf Streitpunkte und sagt, was sie für deutsche Aktien und Bundesanleihen bedeuten.

Staffel 2, Folge 40:

Herrmann gegen Stelter: Sanierungsfall Deutschland?

🧠 Worum geht’s in dieser Folge?

Warum kommt die deutsche Wirtschaft nicht vom Fleck? Bei „Markus Lanz“ saßen dazu zwei Gäste am Tisch, denen wir in diesem Podcast schon je eine eigene Folge gewidmet haben: Ulrike Herrmann in Folge 22 „Fünf Thesen zur deutschen Wirtschaft“ und Daniel Stelter in Folge 32 „Fünf Thesen von Daniel Stelter“. Neu ist, dass beide in derselben Runde sitzen und sich direkt widersprechen. Stelter hält Deutschland für einen Sanierungsfall, dessen Politik die guten Jahre verschenkt hat. Herrmann hält dagegen, dass seit 2018 zu viel von außen über das Land hereingebrochen ist. Wir haben fünf Streitpunkte herausgezogen – die Diagnose, den Sozialstaat, die schwarze Null, die Energie und die Reformfähigkeit – und ordnen sie aus der Perspektive eines Vermögensverwalters ein. Simon Petz referiert jeweils beide Positionen samt Prüfergebnis, Christoph Siebecke antwortet. Er gibt mal der einen, mal der anderen Seite recht.

Wer sind Ulrike Herrmann und Daniel Stelter?

Ulrike Herrmann ist Publizistin und seit dem Jahr 2000 Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung taz. Sie ist gelernte Bankkauffrau, besuchte die Henri-Nannen-Schule und studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Bekannt wurde sie mit Sachbüchern wie „Der Sieg des Kapitals“ und „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“, in denen sie Wirtschaftsgeschichte und Kapitalismuskritik verbindet. Ihre Thesen zu Öl, Exportmodell und Energiewende haben wir in Folge 22 besprochen. Dr. Daniel Stelter ist Makroökonom und Publizist. Bis 2013 war er bei der Boston Consulting Group, zuletzt als Senior Partner. Danach gründete er das Diskussionsforum „beyond the obvious“, dessen Podcast zu den reichweitenstärksten Wirtschaftspodcasts im deutschsprachigen Raum zählt. Zu seinen Büchern gehört „Das Märchen vom reichen Land“. Seine Thesen zum Ende der billigen Zinsen haben wir in Folge 32 geprüft. Mit am Tisch saß außerdem Peter Altmaier (CDU), der frühere Bundeswirtschaftsminister. Er kommt auf dieser Seite nur dort vor, wo sein Einwand für einen Streitpunkt wichtig ist.

Zwei Diagnosen, eine Sorge

Wer diese Folge hört, hört keinen Streit über Fakten, sondern über ihre Deutung. Beide Gäste teilen dieselbe Sorge: Die Industrie hat binnen eines Jahres gut 144.000 Arbeitsplätze verloren, und 2025 wurde in Deutschland zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung weniger investiert, als im selben Jahr an Maschinen, Gebäuden und Straßen verschlissen ist. Daniel Stelter sucht die Ursache vor allem im eigenen Land: in einem ausgebauten Sozialstaat, in versäumten Investitionen und in zu viel Regulierung. Ulrike Herrmann sucht sie vor allem draußen: in Pandemie, Kriegen, chinesischer Konkurrenz und amerikanischen Zöllen. In einem Punkt sind sich beide einig: Sie trauen der jetzigen Regierung die nötigen Reformen nicht zu. Für Anleger ist das mehr als ein Fernsehstreit. Davon, wer recht hat, hängt ab, was man deutschen Aktien und deutschen Staatsanleihen in den nächsten Jahren zutrauen kann.

Streitpunkt 1: Hausgemacht oder von außen?

Die Position – Daniel Stelter

Der Aufschwung vor Corona war für Stelter zu einem guten Teil geliehen: Das Geld war billig, der Euro schwach, und China kaufte deutsche Maschinen und Autos. Die Politik habe das für ihre eigene Leistung gehalten. Seitdem komme die Wirtschaft kaum voran, und die Industrie baue Monat für Monat Stellen ab. Auf den Einwand der Schocks von außen antwortet er: Solche Schocks treffen alle Länder, Marktanteile verliert aber Deutschland – und das liege an den eigenen Kosten.

Die Gegenposition – Ulrike Herrmann

Herrmann hält Stelters Analyse für unvollständig. Es fehle alles, was von außen kam: Corona, die Kriege in der Ukraine und am Persischen Golf, die neue Konkurrenz aus China und die Zölle der USA. Eine so stark exportorientierte Wirtschaft treffe das besonders hart. Die Welt von 2018 gebe es nicht mehr.

Der Faktencheck

Beide Seiten in Teilen belegt. Die Jahre 2023 bis 2025 brachten zusammen kein Wachstum (Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026). Im Verarbeitenden Gewerbe arbeiteten Ende Juni 2026 laut Statistischem Bundesamt 144.100 Menschen weniger als ein Jahr zuvor – rechnerisch rund 12.000 im Monat, die in der Sendung genannten 15.000 liegen also etwas zu hoch. Die Bundesbank stützt Stelter im Kern: Die deutschen Exportmarktanteile schrumpfen seit 2017, seit 2021 deutlich schneller; ohne diese Verluste wäre die Wirtschaft von 2021 bis 2024 um insgesamt 2,4 Prozentpunkte stärker gewachsen. Als Hauptursache nennt sie eine schlechtere Wettbewerbsposition in Maschinenbau, Elektroindustrie, Chemie und Metall – was Herrmanns China-Argument nicht ausschließt, denn die Position verschlechtert sich gerade im Vergleich mit neuen Wettbewerbern. Belegt ist auch Herrmanns Zollargument: Seit August 2025 gelten für die meisten EU-Waren US-Zölle von 15 Prozent. An der Börse ist von alldem wenig zu sehen: Der DAX legte 2025 um rund 23 Prozent zu und schloss am 12. Oktober 2026 bei 25.277 Punkten.

Die Einordnung – Christoph Siebecke

Christoph Siebecke teilt die Frage in zwei Phasen. Für die Jahre von der Finanzkrise 2009 bis zur Pandemie gibt er Stelter recht: Deutschland war der große Profiteur. Energie aus Kohle, Gas und Kernkraft war günstig, die Zinsen sanken fortwährend, China war Abnehmer und noch kein Konkurrent, die Demografie war auf ihrem günstigsten Stand, die Beschäftigung erreichte Rekordwerte, und die europäischen Wettbewerber waren mit ihrer Schuldenkrise beschäftigt. Richtig sei auch Stelters Befund, dass in dieser Zeit zwar der Haushalt konsolidiert, im Kern aber der Sozialstaat ausgebaut wurde – zulasten von Bundeswehr und Infrastruktur. Dem habe auch Herrmann nicht widersprochen. Für die Zeit seit 2020 stimmt er Herrmann insofern zu, als die externen Schocks Deutschland stärker getroffen haben als die europäischen Nachbarn – weil kein anderes Land so tief in den Welthandel eingebunden ist. Die hausgemachten Probleme blieben trotzdem und würden bis heute nicht wirklich angegangen: die Bürokratie, die steigenden Arbeitskosten und die hohen Energiekosten. Beide Seiten hätten also recht, zögen aber unterschiedliche Schlüsse. Dass der DAX so gut dasteht, führt er auf die internationale Konjunktur zurück: Die großen Konzerne schaffen es noch, die hohen Personal- und Standortkosten über ihre Produkte zu verdienen. Den Autoherstellern gelinge das allerdings immer schlechter.

Was das für Anleger heißt

Der DAX ist nicht der Standort Deutschland. Wer deutsche Aktien hält, setzt zu einem großen Teil auf die Weltkonjunktur – entscheidend ist, ob ein Unternehmen seine Standortkosten über Preise weiterreichen kann. Ein Depot, das stark auf den Heimatmarkt konzentriert ist, trägt deshalb ein Klumpenrisiko, das mit der Börsenstimmung wenig zu tun hat.

Streitpunkt 2: Renten statt Investitionen?

Die Position – Daniel Stelter

Als die Steuereinnahmen sprudelten, habe die Politik das Geld in neue Sozialleistungen gesteckt: Mütterrente, Rente mit 63, Grundrente, dazu mehr Leistungen in der Pflege. Stelter nennt dafür einen dreistelligen Milliardenbetrag. Für ihn ist dieser Sozialstaat Geld, das für Investitionen fehlt.

Die Gegenposition – Ulrike Herrmann

Am Sozialstaat würde Herrmann auf keinen Fall sparen. Dann gäben die Menschen weniger aus, und die Krise werde schlimmer. In Stelters Rechnung fehle zudem die andere Seite: die Steuersenkungen für Unternehmen. Für sie ist der Sozialstaat Geld, das die Menschen ausgeben und das die Wirtschaft stützt.

Der Faktencheck

Größenordnung belegt, Stelters genaue Summe nicht – Herrmanns Zahl belegt. Für die konkrete Summe, die Stelter in der Sendung nennt, haben wir keine Quelle gefunden. Die Größenordnung ist aber nicht abwegig: Schon der Gesetzentwurf zum Rentenpaket von 2014 rechnete mit Mehrausgaben von bis zu 160 Milliarden Euro bis 2030. Die Ausgaben der Pflegeversicherung haben sich von 2016 bis 2023 etwa verdoppelt, auf rund 59 Milliarden Euro im Jahr – allerdings aus mehreren Gründen, neben den Reformen auch wegen mehr Pflegebedürftiger und höherer Löhne in der Pflege. Herrmanns Zahl stimmt: Das steuerliche Investitionssofortprogramm vom Sommer 2025 kostet den Staat bis 2029 knapp 46 Milliarden Euro an Einnahmen. Ein großer Teil davon sind schnellere Abschreibungen, die Steuern nur zeitlich verschieben; die Senkung der Körperschaftsteuer beginnt erst 2028. Die Beiträge zu Rente, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung machen 2026 zusammen im Schnitt 42,3 Prozent des Bruttolohns aus.

Die Einordnung – Christoph Siebecke

„Die Dosis macht das Gift“, sagt Christoph Siebecke sinngemäß. Der Sozialstaat sichere ab und sorge für sozialen Frieden, in Deutschland sei er aber über die Maßen ausgebaut worden – das ifo-Institut zählt allein auf Bundesebene mehr als 500 verschiedene Sozialleistungen. Aufgabe des Sozialstaats sei es, vor existenziellen Risiken wie Krankheit oder schweren Schicksalsschlägen zu schützen, nicht jede empfundene Ungerechtigkeit auszugleichen. Herrmanns Konsumargument verfängt für ihn nicht: Der Sozialstaat sei kein Instrument zur Steuerung des privaten Konsums. Ein wesentlicher Teil des Geldes fließe ohnehin ins Gesundheitswesen oder an Menschen, die das zusätzliche Einkommen nicht benötigen und es sparen oder im Ausland ausgeben. Auch die Unternehmenssteuerreform sei nur die halbe Wahrheit, weil die gestiegenen Lohnnebenkosten einen Großteil der Entlastung wieder aufzehren. Sein Maßstab stammt von Hans-Werner Sinn: Es gibt Güter zum Aufessen und Güter zum Hinlegen. Wachsen könne eine Volkswirtschaft nur, wenn sie Investitionsgüter herstellt, denn nur aus ihnen entsteht künftig mehr Output. Wer vor allem konsumiert, lässt den Kapitalstock langsam schrumpfen. Der Punkt geht für ihn klar an Stelter.

Was das für Anleger heißt

Der schrumpfende Kapitalstock ist messbar: Die Nettoinvestitionsquote fiel 2025 auf minus 0,23 Prozent, zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung unter null. Das dämpft auf Dauer Wachstum und Gewinne am Standort. Für die Vermögensaufteilung zählt deshalb weniger, wo ein Unternehmen seinen Sitz hat, als wo es investiert und verdient.

Streitpunkt 3: Wem gehört die schwarze Null?

Die Position – Daniel Stelter

Die schwarze Null, also der Haushalt ohne neue Schulden, sei kein Verdienst der Finanzminister gewesen, sondern ein Geschenk der Europäischen Zentralbank. Nach der Eurokrise fielen die Zinsen, und der Staat musste für seine Schulden immer weniger zahlen. Dieses Geld habe die Politik aber nicht genutzt, um vorzusorgen – stattdessen sei die Infrastruktur verfallen.

Die Gegenposition – Ulrike Herrmann

In diesem Punkt hat Herrmann in der Runde nicht widersprochen. Der Streit verläuft hier also weniger zwischen den beiden Gästen als zwischen Stelter und der damaligen Finanzpolitik.

Der Faktencheck

Mechanismus und Investitionsstau belegt. 2021 zahlte der Bund für alle seine Schulden nur noch rund vier Milliarden Euro Zinsen, 2023 waren es schon rund 40 Milliarden. Für 2029 rechnet der Bundesrechnungshof mit mehr als 66 Milliarden Euro, fast jedem achten Euro des Haushalts. Die Bahn beziffert den Sanierungsstau im Schienennetz auf rund 130 Milliarden Euro, und die Städte und Gemeinden schieben laut KfW-Kommunalpanel 2026 einen Investitionsrückstand von 231 Milliarden Euro vor sich her, so viel wie nie. Nicht belegen ließ sich Stelters Aussage, nicht einmal die Hälfte der Zinsersparnis sei in den Schuldenabbau geflossen. Wer dem Bund heute für zehn Jahre Geld leiht, bekommt rund 3,5 Prozent Zinsen im Jahr (3,48 Prozent am 12. Oktober 2026).

Die Einordnung – Christoph Siebecke

Christoph Siebecke stimmt Stelter zu: Die Zeit des billigen Geldes wurde nicht genutzt, ein großes Versäumnis der damaligen Bundesregierung. Der Staat versuche jetzt, das Versäumte aufzuholen, und müsse dafür einen deutlich höheren Preis zahlen. Für Anleger seien die Bedingungen dadurch deutlich attraktiver geworden: Über lange Zeit gab es am Markt negative Renditen, heute bekommt man wieder einen echten Zins. Und Deutschland sei weiterhin ein solider Schuldner, das Bonitätsrisiko bleibe ausgesprochen niedrig.

Was das für Anleger heißt

Bei Bundesanleihen ist die Bonität nicht das Thema, der Zins schon. Wer heute kauft, bekommt wieder einen spürbaren Ertrag – trägt aber das Risiko, dass weiter steigende Zinsen auf den Kurs drücken. Wie stark, misst die Duration der Anleihenposition.

Streitpunkt 4: Woher kommt der günstige Strom?

Die Position – Daniel Stelter

Auf die Frage, was er als Erstes ändern würde, nennt Stelter die Energie. Der Staat soll Steuern und Abgaben auf Energie dauerhaft so weit senken wie möglich, nicht nur befristet. Und er soll den Abriss der stillgelegten Kernkraftwerke stoppen. Wichtiger als eine kurzfristige Entlastung sei die Aussicht auf ein dauerhaft größeres Angebot.

Die Gegenposition – Ulrike Herrmann

Herrmann setzt woanders an. Neue Kernkraftwerke seien schlicht zu teuer, deshalb stagniere die Kernkraft weltweit. Auf Öl und Gas sei angesichts der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten kein Verlass mehr. Verlässlich seien allein Wind und Sonne.

Der Faktencheck

Auf beiden Seiten teils belegt, teils umstritten. Ein Haushalt zahlt 2026 laut BDEW im Schnitt 37 Cent je Kilowattstunde, davon 12,6 Cent Steuern, Abgaben und Umlagen – rund ein Drittel. Zur Wiederinbetriebnahme gibt es eine Studie vom Juni 2026, nach der sich fünf Reaktoren in 41 bis 50 Monaten wieder ans Netz bringen ließen; Auftraggeber war allerdings ein Verein, der für die Kernkraft wirbt, und die Bundesregierung hat keine eigene Prüfung veranlasst. Peter Altmaier hielt in der Sendung dagegen, das Personal sei weg und der Rückbau zu weit fortgeschritten. Herrmanns Stagnationsthese ist in der Größenordnung belegt: Der Anteil der Kernkraft am weltweiten Strom fiel von 17,5 Prozent (1996) auf rund 9 Prozent, auch wenn die erzeugte Menge 2024 einen Rekord erreichte – fast nur dank China. Dass Neubauten teuer sind, zeigt etwa das US-Kraftwerk Vogtle, das mit rund 34 Milliarden Dollar mehr als doppelt so viel kostete wie geplant. Und die Unsicherheit bei Öl ist sichtbar: Seit dem Krieg am Persischen Golf war die Straße von Hormus zeitweise gesperrt, am 7. Oktober 2026 kostete ein Fass Brent 101 Dollar.

Die Einordnung – Christoph Siebecke

Nach vorn gerichtet hat für Christoph Siebecke Herrmann die besseren Argumente. Die Lage im Nahen Osten habe sich nachhaltig verschlechtert, die Spannungen zwischen Israel, dem Libanon und dem Iran seien so hoch wie nie, dazu verschärfe sich der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen, und Russland falle als Energielieferant für Europa ganz aus. Öl und Gas könnten deshalb dauerhaft teurer bleiben als früher. Auch beim Neubau von Kernkraftwerken ist er skeptisch: Die jüngsten Projekte in Großbritannien, Frankreich und Finnland zeigten, dass die Kosten jeden Rahmen sprengen und der Strom daraus nicht wettbewerbsfähig ist. Die bestehenden, bereits abgeschriebenen Anlagen stillzulegen, hält er dagegen für einen schweren ökonomischen Fehler – zumal Kernkraft und Erneuerbare sich gut ergänzen. Rückgängig machen lasse sich das nun wohl nicht mehr. Für die Zukunft fordert er mehr Marktanreize für den Ausbau von Anlagen, Speichern und Netzen. Neue Anlagen sollten nur noch dort entstehen, wo der Strom auch gebraucht wird, und es brauche Erneuerbare, die verlässlicher liefern, etwa Windkraft auf See oder Gezeitenkraftwerke. Weiteren Zubau von Photovoltaik sieht er kritisch: Nachts liefern die Anlagen nichts, und mittags muss Deutschland Überschüsse ins Ausland abgeben und dafür teils sogar bezahlen. Aktionäre energieintensiver Unternehmen könnten schon heute beobachten, dass neue Werke dort entstehen, wo Energie vergleichsweise günstig ist – und Europa werde das auf absehbare Zeit nicht sein.

Was das für Anleger heißt

Bei Chemie, Stahl oder Glas lohnt der Blick darauf, wo ein Unternehmen seine neuen Kapazitäten baut. Ein Konzern kann wachsen, während sein deutscher Standort schrumpft. Wer viele energieintensive Werte im Depot hat, hängt am selben Faktor, dem Energiepreis in Europa – auch das ist ein Klumpenrisiko.

Streitpunkt 5: Radikalschnitt oder kleine Schritte?

Die Position – Daniel Stelter

Stelter hält kleine Schritte für gescheitert. Sein Vorschlag ist radikal: alle Gesetze der vergangenen 15 Jahre streichen und dann schauen, wo wirklich etwas fehlt. Jedes Ministerium soll zudem den Umfang seiner Gesetze und Verordnungen um ein Drittel kürzen. Als Beispiel nennt er das Bauen. Ohne Reformen drohten französische Verhältnisse.

Die Gegenposition – Ulrike Herrmann

Herrmann hält den Radikalschnitt für eine Illusion. Wer in Deutschland etwas Großes ändern wolle, brauche fast immer auch den Bundesrat und damit eine sehr breite Mehrheit. Ein Alleingang laufe ins Leere.

Der Faktencheck

Stelters Beispiel belegt, Herrmanns Bundesrat-Aussage zu hoch gegriffen. Die Baukostensenkungskommission legte im November 2015 tatsächlich 71 Empfehlungen vor. Billiger wurde das Bauen nicht: Anfang 2025 kostete ein Wohnhaus laut Statistischem Bundesamt rund ein Drittel mehr als 2021. Und das Bundesrecht wächst: Von 2014 bis 2024 stieg die Zahl der Einzelvorschriften von 44.216 auf rund 52.000, ein Plus von knapp 18 Prozent. Herrmanns Einwand trifft nur zum Teil: In der Wahlperiode 2021 bis 2025 brauchten 34,7 Prozent der Gesetze die Zustimmung des Bundesrats, in den Neunzigerjahren waren es fast 60 Prozent. Bei Gesetzen, die die Einnahmen der Länder berühren, ist die Zustimmung aber die Regel. Und Stelters Frankreich-Warnung lässt sich am Markt ablesen: Am 12. Oktober 2026 rentierten zehnjährige französische Staatsanleihen bei 4,90 Prozent, deutsche bei 3,48 Prozent. Der Abstand von rund 1,4 Prozentpunkten war Anfang Oktober so groß wie seit der Eurokrise nicht mehr.

Die Einordnung – Christoph Siebecke

Christoph Siebecke hält Stelters Vorschlag für richtig: Es gehe nur noch radikal. Er würde sich ohnehin wünschen, dass bestimmte Gesetze ganz abgeschafft und nicht immer nur verändert werden. Herrmanns Einwand relativiert er: Alles, was die Finanzen der Länder nicht berührt, könne der Bundestag allein beschließen – und auch die Länder würden sich über weniger Bürokratie freuen. Deutschland solle nicht den Fehler Frankreichs wiederholen und aus Angst vor Reformen die Staatsfinanzen überdehnen. Dort stiegen die Zinsausgaben schneller, als man sparen könne. Ablesen lasse sich die Einschätzung der Märkte an den Renditen fünf- bis zehnjähriger Staatsanleihen und an den Prämien für Kreditausfallversicherungen, den sogenannten CDS: Weichen sie deutlich von den Zinskosten ab, ist das ein Hinweis auf wachsende Unsicherheit. Frankreich komme mit seiner Schuldenpolitik früher oder später an ein Ende, Deutschland solle diesen Weg lieber nicht einschlagen.

Was das für Anleger heißt

Der Renditeabstand zwischen zwei Staaten ist das Thermometer für Vertrauen. Deutschland zahlt bisher keinen Aufschlag – wer Staatsanleihen verschiedener Euroländer im Depot mischt, sollte diesen Abstand aber im Blick behalten, weil er sich schneller bewegen kann als jede Reformdebatte.

Das Fazit

Fünf Streitpunkte – und eine klare Tendenz: Bei Sozialstaat, schwarzer Null und Reformfähigkeit (Streitpunkt 2, 3 und 5) gibt Christoph Siebecke Daniel Stelter recht. Bei der Energie (Streitpunkt 4) hält er Ulrike Herrmanns Blick nach vorn für überzeugender, auch wenn er das Abschalten der bestehenden Kernkraftwerke für einen Fehler hält. Bei der Diagnose (Streitpunkt 1) bekommen beide recht: Stelter für die Jahre bis 2020, Herrmann für die Wucht der Schocks danach – die hausgemachten Probleme bleiben trotzdem. Damit schließt sich ein Bogen über drei Folgen. In Folge 22 widersprach Christoph Siebecke Herrmann vor allem beim deutschen Exportmodell, in Folge 32 Stelter vor allem bei der demografischen Erklärung der Zinswende. Im direkten Duell liegt er bei den Staatsfinanzen näher bei Stelter und bei der Energie näher bei Herrmann. Für Anleger folgt daraus weniger eine Prognose als eine Aufgabe: die eigene Asset Allocation so aufzustellen, dass sie nicht davon abhängt, welcher der beiden am Ende recht behält.

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Häufige Fragen zu den fünf Streitpunkten

Sind die Aussagen dieser Folge Tatsachen oder Meinungen?

Es sind Meinungen. Die Seite gibt die Positionen von Ulrike Herrmann und Daniel Stelter aus der Sendung „Markus Lanz“ vom 8. Oktober 2026 sinngemäß wieder und stellt ihnen die persönliche Einschätzung von Christoph Siebecke gegenüber. Die in der Sendung genannten Zahlen haben wir vorab geprüft und weisen das Ergebnis je Streitpunkt aus.

Wer sind Ulrike Herrmann und Daniel Stelter?

Ulrike Herrmann ist Wirtschaftskorrespondentin der taz und Sachbuchautorin. Daniel Stelter ist Makroökonom, ehemals Senior Partner bei der Boston Consulting Group und Gründer des Diskussionsforums „beyond the obvious“. Beiden haben wir bereits eine eigene Folge gewidmet: Herrmann in Folge 22, Stelter in Folge 32.

Welche fünf Streitpunkte werden besprochen?

Erstens: Ist die deutsche Wirtschaftsschwäche hausgemacht oder von außen verursacht? Zweitens: Hat der Ausbau des Sozialstaats Investitionen verdrängt? Drittens: War die schwarze Null ein Verdienst der Politik oder ein Geschenk der Niedrigzinsen? Viertens: Woher soll bezahlbare Energie kommen? Fünftens: Braucht Deutschland einen radikalen Schnitt bei Gesetzen und Vorschriften oder Reformen in kleinen Schritten?

Welche Zahlen aus der Sendung halten dem Faktencheck stand?

Belegt sind unter anderem der Stellenabbau in der Industrie (144.100 Beschäftigte weniger binnen eines Jahres), die Verluste bei den Exportmarktanteilen, Herrmanns 46 Milliarden Euro für das Steuerpaket von 2025, der Investitionsstau bei Bahn und Kommunen sowie die 71 Vorschläge der Baukostensenkungskommission. Nicht belegen ließ sich Stelters konkrete Summe für die Rentenbeschlüsse. Herrmanns Aussage, fast jedes wichtige Gesetz brauche den Bundesrat, ist zu hoch gegriffen: Zuletzt war es gut jedes dritte.

Wem gibt Christoph Siebecke recht?

Bei Sozialstaat, schwarzer Null und Reformfähigkeit stimmt er Daniel Stelter zu. Bei der Energie hält er Ulrike Herrmanns Blick nach vorn für überzeugender. Bei der Frage, ob die Schwäche hausgemacht oder von außen verursacht ist, gibt er beiden teilweise recht: Stelter für die Jahre bis 2020, Herrmann für die Schocks danach.

Ist diese Podcastfolge eine Anlageberatung?

Nein. Die Folge und diese Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Sie enthalten keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen und ersetzen keine individuelle Beratung.

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Die Inhalte dieses Podcasts sind ausdrücklich keine Anlageempfehlung. Sie dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Die auf dieser Seite wiedergegebenen Positionen und Einschätzungen sind Meinungsäußerungen der jeweils genannten Person und keine Tatsachenbehauptungen von Wealth Partners Tegernsee. Wir übernehmen für mögliche Verluste keine Haftung – und werden auch an etwaigen Gewinnen nicht beteiligt. Bitte treffen Sie Anlageentscheidungen immer auf Basis individueller Beratung.

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